Philahaus Kiental
Verein Philadelphia
gegründet 1885 in Bern

Die Philadelphia auf Gorneren – Ein kleiner Rückblick auf die ersten 4 Hütten

Vielleicht hat sich schon einmal jemand beim Anblick unseres Philahauses auf Gorneren gefragt, wie es dazu kam und ob eventuell sogar schon vor diesem Haus ein anderes bestand.
Zwei gemütliche Aufenthalte im Philahaus verbunden mit einigen Regenzeiten erlaubte einen tieferen Blick ins Vereinsarchiv. Und es kamen höchst interessante Erkenntnisse dabei zu Tage. Begeben wir uns also auf eine kleine Zeitreise...

Wie schon von Ruedi Grossenbacher einmal ausgeführt (Artikel: Geschichte) begann der Verein Philadelphia in Bern 1885 ja ursprünglich mit dem Ziel der geistigen und religiösen Erbauung seiner Mitglieder durch Angebot von Vorträgen und Bibliothek sowie gemeinsamen Aktivitäten wie Wanderungen. Man verfügte sogar über eigene Räumlichkeiten in der Berner Altstadt. Besonders Bergtouren scheinen die Mitglieder angesprochen zu haben. Allerdings bestand dabei das Problem, dass man mit öffentlichen Verkehrsmitteln ja erst einmal bis dorthin gelangen musste, denn Autos als allgemeines Fortbewegungsmittel war zu dieser Zeit noch nicht  verbreitet (Die erste Automobil-Serienproduktion startete 1894, aber eher für begüterte Käufer). Im Ergebnis mussten die Philaner nachts aus den Federn, wollten sie am Morgen irgendwo zu einer Bergtour starten. Davon zeugen viele eindrückliche Berichte in den alten Phila-Blättern.
So kam dann bald die Idee auf, doch in der so geliebten Bergwelt eine Heimstatt zu haben, die als Ausgangspunkt für Wanderungen dienen könne und preiswerte Übernachtung ermöglichte.

1. Hütte (1902 – 1904)

Es wurde eine Hüttenkommission gegründet, Paul von Greyerz steuerte eine Startspende bei und auf Vermittlung von Pfarrer Trechsel aus Reichenbach fasste man eine Sennhütte auf Gorneren ins Auge. Es handelte sich um die heute noch zwischen Parkplatz und Philahaus gelegene Hütte Zurbrügg.

 

Am 27.4.1902 kamen die 3 Kommissionsmitglieder um 22 Uhr im Dorf Kiental an, nahmen den Schlüssel (er soll wie ein Kanonenrohr ausgesehen haben) in Empfang und starteten gleich durch zu weiteren 3 Stunden Wanderung den Bärenpfad hinauf. Trotz Dunkelheit fanden sie bald die zum Schlüssel gehörige Sennhütte.
Das Erkundungsergebnis war positiv, schon am 3.5.1902 wurde die Kommission mit dem Abschluss eines Mietvertrages beauftragt. Eine weitere Spezialkommission erarbeitete ein Hüttenreglement. Proviant und 6 Schlafsäcke wurden angeschafft, sowie um Sachspenden, wie z.B. Tassen, Teller, Löffel, etc. gebeten.
Am 12. und 13.7.1902 waren 45 Mitglieder bei der Einweihung zugegen (von insgesamt 147 Philanern).
Milch kam vom Steinenberg, ein Punkt, der in der späteren Hüttenhistorie noch Sorgen bereiten würde.
Man schlief auf Stroh und mangels Ausstattung mit Tellern wird die Suppe aus Tassen gelöffelt. Aber dies tat der Freude keinen Abbruch. Man wanderte zum Gamchikessel, von wo aus man in 1 Stunde am Gamchigletscher stand.
Die Schlafsäcke erfreuten sich keiner Beliebtheit und man schaffte bald Wolldecken an. Der Vorrat an Zucker, Schokolade und Zigarren war rasch aufgebraucht, während Tee, Kaffee und Reis kaum Absatz fanden. Bald verlangte der Vermieter doppelten Mietzins wegen des enormen Holzverbrauchs. Dies konnte aber zunächst abgewendet werden.

 

Auch ein Hüttenbuch gab es schon. Darin wurde ermuntert, unbedingt nicht nur blosse Übernachtungsangaben, sondern auch Eindrücke, Bilder und Fotos zu hinterlassen.
Der Neujahrswunschzettel der Hüttenkommission um Sachspenden enthielt u.a. Holzschuhe, Bürsten, Konserven, Rauchwaren und ein Servierkörbchen.
Lobend wird im Correspondenzblatt die Anwesenheit von  Philaner-Ehefrauen erwähnt, da sie „Tee und Suppe kochen können“...
Die Begeisterung über die eigene Hütte führte auch rasch zum Druck eigener Ansichtskarten.

 

Der Übernachtungstarif betrug zu dieser Zeit 30 Cts. Allerdings kam es schon 1903 zu erstem Ärger mit dem Vermieter, der trotz Vermietung selber die Hütte bewohnte. Die ersten Gäste begrüßte er noch freundlich. „Als aber immer mehr tags und nachts eintrafen, verlor er völlig den Humor und wurde hagenbuchen“ berichtet das Archiv. Kuchen, den ein Philaner dem Senn-Buben geben wollte, ass der Senn statt dessen selber.

Man schaute sich nach einer anderen Hütte um. Was auch gut war, denn wegen der Differenzen mit dem Vermieter, aber wohl auch Fehlverhalten einiger Mitglieder, muste die Hütte gleich wieder Ende 1903 geräumt werden. Die Zahl der Übernachtungen lag bei 77/1902 und 93/1903.

2. Hütte (1904 – 1923)

Rasch wurde man fündig und konnte ab 1904 schon eine andere Sennhütte mieten. Diese liegt am Bärenpfad ein kleines Stück talabwärts vom heutigen Haus und steht noch immer.

Das Verhältnis zum Vermieter war ausgesprochen gut. Der Tarif pro Nächtigung betrug 20 Rp und die Zahl der Nächtigungen stieg schon in diesem Jahr auf 392!  Aber es taten sich Probleme auf: Die Milch kam nicht mehr vom Steinenberg und musste eine gute Stunde herantransportiert werden, es verschwand Proviant ohne Bezahlung, mancher tat sich beim Mithelfen in der Hütte schwer und die Sorge griff um sich, dass Leute allein wegen der Hütte Mitglied wurden, ohne die eigentlichen Vereinszwecke mit zu tragen.

 

1905 sind bis auf 3 Stück die Schlafsäcke verschwunden. Die Philaner schienen ihrer Seele so freien Lauf zu lassen, „dass sie in der Badehose um die Hütte herum hüpfen und gar ein Bad im Trog nehmen, obwohl das Kurhotel Griesalp in der Nähe ist“. Der Vermieter hatte dadurch soviel Ärger, dass er erzürnt kündigte und nur durch höhere Miete zur Vertragsfortsetzung überredet werden konnte.
Nachdem der Milch liefernde Senn dann wieder einmal über eine Stunde zu Fuss die bestellte  Milch heranschleppte (es müssen mindestens 10 l gewesen sein), aber kein Philaner mehr da war, stellte er die Lieferung ein. Da nun keine Milch als ein wesentliches Grundnahrungsmittel mehr zur Verfügung stand, brach prompt die Übernachtungszahl ein.

 

1906 fand wohl eine sehr erbauliche gemeinsame Bundesfeier mit den Sennen der Alp statt. Das Milchproblem schien behoben. Es wurde genau Buch geführt: So verzehrten 155 Besucher mit 455 Nachtlagern 313 Stk. Milchschokolade. Doch nun waren die Wolldecken verschlissen und mussten ersetzt werden.

Schon 1907 tauchte wieder ein Milchproblem auf und der Gedanken einer eigenen Kuh wurde geboren, der in den Folgejahren gelegentlich wieder in Rede stand. Auch „Faulpelze“ waren wieder unter den Philanern auszumachen.

 

1908 schliesslich kam die Milch von der Bundalp. Ein Liter kostete 30 Rp, eine Nächtigung 25 Rp.

1909 wurde eindringlich an die Hüttengäste appelliert, eigene Verpflegung mitzubringen. Statt der Milch wurde nun das Holz knapp. Das Strohlager wurde durch Strohsäcke ersetzt, des besseren Komforts wegen.
Begeistert waren Philaner die ersten, die den neu geschaffenen Zugang zu den Pochtenfällen (mittels Leitern) nutzten. Die Hüttenkommission bat die Mitglieder, sich durch gutes Verhalten von den „üblichen Touristen“ abzuheben. Was das wohl bedeuten mag? Denn schon vorher hegte man den Wunsch, dass das Kiental von Hotelkästen à la Kandersteg verschont bleiben möge.
Interessanterweise wurde nun aufgefordert, das Hüttenbuch nur für Besuchsangaben zu verwenden, es würde „zweckentfremdet“ durch Tourenberichte und soll auch nur „in letzter Linie GEDIEGENE Gedichte, Witze und Humor aufnehmen“...

Das Hüttenleben scheint sich nun eingependelt zu haben. Diese 2. Hütte verzeichnet zwischen knapp 300 und zuletzt an die 900 Nächtigungen pro Jahr. Durch die Eröffnung des Ladens im Golderli 1921 konnte die Versorgung stark erleichtert werden. Statt der Milchversorgung war nun eher der zu hohe Holzverbrauch ein Dauer-Thema. Leider wurde auch sogar einmal die Hüttenkasse geraubt, den Täter fand man nicht. Regelmässig wurde um Sachspenden für den Haushalt gebeten. Die Hütteneröffnung mit Bergpredigt erfreute sich grossen Zuspruchs, so z.B. 1926, als rd. 300 Philaner, Sennen und wohl auch Touristen ihr beiwohnten.
Der Vermieter stiftete sogar einen Schrank und einen Tisch. Allerdings neigte sich auch dieses Mietverhältnis langsam dem Ende zu, als 1918 zu unsorgsamer Umgang mit offenem Feuer (es gab noch keinen Herd!), Abfälle und Glasscherben auf der Weide rund um die Hütte vom Vermieter beklagt wurden. Man dachte schon an eine eigene Hütte, doch dies liess sich nicht umsetzen, noch nicht. 1923 war schließlich das letzte Jahr in dieser Hütte, im Oktober zog man um.

3. Hütte (1924 – 1937)

Die neu angemietete Hütte liegt direkt an der Alpgasse. Sie verfügte über 3 Zimmer, davon 2 beheizbare, 12 Betten plus Heulager. Die Hüttentaxe betrug 1 Fr für Philaner, sonst 2 Fr.

 

1929 wurden 2 ersehnte Kochherde gespendet und es kam zu einer Vereinbarung über eine Hütten-Mitnutzung durch den Schweizer Buchhandlungsgehilfen- und Angestelltenverein, die bis 1934 Bestand haben sollte.
Zur Hütteneröffnung reisten 1932 „einige Wagemutige“ mit dem neuen Postauto von Reichenbach bis zum Tschingel. Auf dem gemeinsamen Fussrückweg traf man auf den Stratosphärenflieger Prof. Piccard und genoss  eine angenehme Plauderei mit diesem weltbekannten Zeitgenossen, so berichtete das Philablatt stolz. Allerdings muss später im Blatt eingeräumt werden, es sei doch nur der Bruder gewesen.

 

1933 wurde das Heulager durch Matratzen ersetzt. Obwohl auch in diesem Jahr 1038 Nachtlager gezählt wurden, sorgte man sich um die „Konkurrenzhütte“, die die Bergsektion des Vereins während einiger Jahre an anderem Ort betreibt. Allerdings wurde diese in den 40er Jahren aufgegeben. Man diskutierte gerade in diesem Jahr das Weltgeschehen, wohl besonders beim nördlichen Nachbarn, sehr intensiv. Im gleichen Jahr startete die Postautolinie bis zur Griesalp.

1934 wurde die Hütte renoviert, nicht ohne danach mit höherem Mietzins zu Buche zu schlagen.

 

In die 30er-Jahre fällt auch der Übernachtungsrekord: 1164 Nachtlager im Jahr 1934!

1937 schliesslich wurde diese Hütte durch den Vermieter gekündigt. Über die Gründe gibt das Archiv keinen Aufschluss.

4. Hütte (1938 – 1952)

Am 1.8.1938 bezog man die nächste Hütte, „Im Bütt“. Diese befindet sich –auch heute noch- an der Alpgasse, von der vorhergehenden 3. Hütte ein Stück weit Richtung Tal gelegen.
Stolz wurde zwar gleich ein Fahnenmast errichtet, doch der Vereinsfrieden erfuhr starke Trübung durch heftige Verwerfungen zwischen Mitgliedern und der Hüttenkommission. Genaues erfährt man nicht, es schien um Bevorzugung von Nicht-Mitgliedern gegangen zu sein, weswegen sich Philaner in ihrem Feriengenuss gestört sahen. Gar von Opposition ist die Rede. In der Folge schied die Hüttenkommission bis auf ein Mitglied aus.
1939 zählte man bei der Hütteneinweihung nur noch 13 Personen und 420 Nachtlager.

Über den Hüttenbetrieb in den Kriegsjahren gibt das Archiv keine Informationen preis, doch immerhin sah das Jahr 1945 wieder 720 Nachtlager, 1946 gar 899.
Im Oktober 1947 wurde erstmals eine Holzete erwähnt, 1948 erstmals eine Hüttenputzete. Leider aber zählte man auch im letztgenannten Jahr bei der Eröffnung nur noch 5 Philaner, der Bergpredigt wohnten allerdings 80 weitere Älpler bei.
Obwohl 1950 die Nachtlager auf 616 sanken und 1951 auf 429, wird nun endlich das schon immer so ersehnte eigene Haus angegangen.

Philahaus auf Gorneren (ab 1953)

Im Jahr 1952 werkelten eifrige Philaner und beauftragte Handwerker bei Bauarbeiten und im August 1953 kann endlich die 5. und nun vereinseigene Unterkunft auf Gorneren eingeweiht werden.

Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Aktivitäten der Philadelphia schon stark verändert. War der Verein noch in seinen frühen Jahren in Sorgen um die Verderbnis der Jugend, beispielsweise durch Wirtshausbesuche oder Radio hören, geprägt, gab als bewusstes Gegengewicht dazu es biblische Vorlesungen, gemeinsame Wanderungen in die Natur und erbauliche Vorträge, so schlummerten diese Dinge mit den Jahren und Jahrzehnten ein. Die eigenen Vereinsräume in Bern und das über Jahre recht lebhafte Vereinsleben dort gehören heute der Vergangenheit an, die Mitgliederzahl schrumpfte. Doch geblieben ist das Philahaus auf Gorneren und die Tatsache, dass unser Verein seit nun über 100 Jahren das Erlebnis der wunderbaren Bergwelt seinen Mitgliedern und Gästen ermöglicht!

Von Elke Grossenbacher